„Das ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“
Alkydharz auf Tafel 2002

Werdegang von Hans Peter Röhe-Hansen

Ich wurde am 19.01.1943 zwei Jahre vor Kriegsende in Malente, Lindenallee 51, geboren. Meine frühe Kindheit – also wesentliche Teile meines Spracherwerbs und damit verbunden die anfängliche Bewusstseinsentwicklung sowie die Übernahme von Grundhaltungen – fielen in die Jahre des bedrückenden Gesellschaftszustandes der aus der Niederlage eines ideologischen Größenwahns resultierte.

Dieses Milieu von zutiefst traumatisierten-entwurzelten Menschen, die auf engstem Raum zusammen gedrängt in unserem Hause eingewiesen waren, und die nur auf die unmittelbare Befriedigung ihrer alltäglichen Bedürfnisse fixiert waren, bot einen deprimierenden Eindruck, welcher möglicherweise einen kritischen Skeptizismus bei mir hervorgerufen hat.

Die Gründe dieses Zustandes wurden wegen ihrer ursächlichen Betroffenheit in meiner Anwesenheit nicht zur Sprache gebracht. So hinterließ diese Atmosphäre nur eine vage Vermutung darüber wie ihre Verstrickung in ein schuldhaftes Verhältnis ausgesehen haben mag.

Trotz ähnlicher Einschränkungen auch für meine Familie, war mein Vertrauen in das Leben unerschüttert zuversichtlich geblieben.

Ich kann mich auch nicht an sonderlich materielle Nöte in unserem Haushalt erinnern, da die Frauen – meine Großmutter und meine Mutter, die diesem Gemeinwesen vorstanden – über solide Kenntnisse der bäuerlichen Selbstversorgung verfügten.

Ihre Männer waren in beiden Fällen (bei Ersterer durch Tod im ersten Weltkrieg und bei Zweiter durch Entfremdung in den letzten Kriegsjahren des zweiten Weltkriegs) abwesend.

Mutter und Tochter bestritten einvernehmlich und in Kooperation mit den anderen Hausbewohnern den schwierigen Alltag. In diesem prekären Sozialgefüge wurde ich also durch kein unmittelbares Beispiel eines männlichen Vorbildes zur Übernahme bestimmter Persönlichkeitsmerkmale angehalten.

Die Vaterlosigkeit war das prägende Moment, das bezüglich der Anschauung des gesellschaftlichen Zustandes einen ursächlichen Zusammenhang vermuten ließ.

Mit diesem generellen Befremden und einem distanzierten Beobachterstatus – auf mich gestellt – musste ich im Einzelnen selbst darüber befinden, welche Bedeutung die gezeigten Verhaltensmuster bei anderen und die entsprechend gespiegelten Empfindungen bei mir für meine Identitätsfindung haben mochten. Sozusagen eine reflektierende Übung zur Selbstbelehrung in Sachen Sozialgefüge und Rollenfragen.

Diese Intention zur Selbsterkundung und Selbstbelehrung mögen zu der Grunderfahrung zählen, die zu den charakteristischen Eigenschaften eines exklusiven Autodidakten gehören. (Das akute erkenntnistheoretische Pathos im Sinne eines Paradigmenwechsels in der Theorie der Selbstorganisation des neuen Wissenschaftsverständnisses mögen unterschwellig intuitiv dabei eine Rolle gespielt haben.)

Das handwerkliche Geschick und das zeichnerische Talent wurden unter diesen Umständen von mir selbst auf diese Weise praktisch und theoretisch mit großem Eifer und sehr viel Ernst als innere Notwendigkeit entschieden vorangetrieben.

1958 Frida Tode

Diese Selbstoptimierung muss auf die Familienmitglieder einen überzeugenden Eindruck gemacht haben. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig, als mich darin wohlwollend mir selbst zu überlassen. Eine fachliche Kompetenz konnten sie mir nicht bieten.

Ähnlich musste es mit meiner ungewöhnlichen Sammelleidenschaft bestellt gewesen sein. Trotz mancher Bedenken erfuhr ich auch in dieser Hinsicht ein besorgtes Gewährenlassen.

Die Kriegswaffen, die bei der Kapitulation in die Seen geworfen worden waren, übten eine gewisse nicht ungefährliche Faszination auf uns Jungen aus.

Aber wesentlich stärker ausgeprägt war die Leidenschaft für artifizielle Hinterlassenschaften früherer Menschheitsepochen, welche wiederum an den Seeufern zu finden waren. Steinwerkzeuge, Keramikteile, alte Gerätschaften versprachen eine rückbesinnende innere Teilhabe an relativ geringerer, entfremdeter naturnäheren Kulturstufen, als die unsere. Auf diesem Gebiet tauschte ich mich damals mit unserem alten Hausarzt Dr. Hagemann aus. Zuweilen hatte der den Archäologen Prof. G. Schwantes zu Besuch, wobei ich zugegen sein durfte.

sichelformiges Artefakt
Artefakte der mittleren Steinzeit (Mesolithikum)
Keramik unterschiedlicher Epochen

Das unerschrockene Interesse für Schädelknochen von Tieren und Menschen stellte vermutlich eine gewisse Zumutung für meine Angehörigen dar. Insgesamt hatte diese Beschäftigung mit der umfangreichen natur- und kulturhistorischen Sammlung eine große Bedeutung für die Entwicklung meiner geistigen Weltanschauung.

Schädelfunde

Die Streifzüge, die ich in dieser Hinsicht unternahm, waren zum Teil sehr ausgedehnt und nahmen zu Wasser auch Tage in Anspruch. Dabei bewegte ich mich dem Beispiel der Kulturstufe der Jäger und Sammler folgend, möglichst authentisch in der Natur. Für diese Selbst- und Welterkundung standen mir drei Bereiche zur Verfügung. Zunächst das häusliche Umfeld, in der idyllischen Seenlandschaft von Ostholstein; dann der Bauernhof meines Onkels, von dem aus ich mit meinem Vetter diesen Interessen nachging, indem wir quer feldein die Erhebungen der Landschaft mit der Absicht anstrebten, aus der übergeordneten Warte einen Weitblick – eine Übersicht – zu gewinnen, der die Erfahrungen aus den Niederungen gedanklich überstieg.

Gelegentlich boten sich mir mit dem Kleinstadtmilieu von Husum an seinen Hafenanlagen auch gewisse Eindrücke in die Industrialisierung. Dort lebte mein Vater damals in sehr bescheidenen Verhältnissen. Meine jüngere Schwester und ich erlebten ihn als Arbeitslosen, der sich als Landschaftsmaler im traditionellen Stil betätigte. Die Anreise nach Husum mit dem Zug führte über die Rendsburger Hochbrücke. Diese Erfahrung von einem technischen Großprodukt war ein bewegendes Erlebnis für uns.

„Ansicht Husumer Hafen“ Öl auf Leinwand, Henri Röhe-Hansen 1951

Angesichts der Krisenfaktoren dieser Nachkriegsepisode – verursacht durch die obsessive Überbetonung der „männlichen Sozialinstinkte“1 und der daraus resultierenden Kompetenzverschiebung in meiner Rumpffamilie auf die weiblich ausgeprägte Sozialstrategie, (welche durchaus für meine Wertorientierung vermutlich eine größere Verbindlichkeit darstellte), ließen mich gegenüber den Affekten, die sich zeigten, wenn wir Kinder uns spielerisch mit der Einübung von Verhaltensweisen in bestimmte Rollenausprägungen aufeinander bezogen, einen inneren Vorbehalt empfinden; insofern, als ich diesen angeborenen Reflexen gegenüber nicht geneigt war, zuzustimmen. Eine fundamentale Befangenheit gegenüber den spontan aufkommenden Selbstbehauptungstendenzen zur Einstimmung in ein gegenseitig konkurrierendes Gesellschaftsgefüge. Konkret eine skeptische Haltung gegenüber Gruppennormen, der Über- und Unterordnung bei Autoritäten, dem Statusdenken, des Geltungsbedürfnisses, der Aggressivität, der physischen Gewalt, des Imponiergehabes, des offensiven Auftretens, des Machtstrebens, der maskulinen Dominanz und der Rekorde, die in der Nachkriegszeit schon bald wieder an der Tagesordnung waren.

All diese Formen der sozialen Interaktion in einem durch Wettbewerb gekennzeichneten Gemeinwesen, das gerade erst im Zeichen dieser heroischen Tugenden gescheitert war, befremdeten mich.

Und die Übernahme der Strategien, der Werte und Normen in diesem Sinne, waren durch innere Vorbehalte gehemmt.

Die soziale Wirklichkeit zeigte sich mir gewissermaßen als betriebsblind, wenn sie immer wieder dieselben Instinkte automatisch auslebte, sodass sie befangen erschienen in einer zerstörerischen Spirale, wo sie geradezu zwanghaft ihre instrumentelle Vernunft weiter optimieren mussten, um sich gegen ihresgleichen zu behaupten. Bei dieser selbstzerstörerischen Kultivierung war die heilsame andere, stumme Seite mundtot gemacht. Der Höhepunkt der Spirale der Gewalt (die Atombombe) hatte gerade erst diesen heroischen überhöhten Mechanismus ad absurdum geführt.

Man erinnere sich der Mythen von der Scheidung des Himmels und der Erde, das innere prägende Männliche und das äußere empfangende Weibliche und in all dieser Bescheidenheit haben die folgenden (männlichen) Philosophen daraus die Dualität des geistig-göttlichen und des ungeistig-erdhaften fabriziert. Man denke nur an den früheren Zusammenhang von Mater und Materie.2

So viel Grundsätzliches zu diesem Thema von Rupert Riedl.

Demgegenüber fühlte ich mich anderen Quellen des Selbst verpflichtet, welche dieser offensiven-konfrontativen Ausrichtung komplementär entgegenstanden. Selbstinhalte, die allerdings, wie oben gesagt, relativ ohnmächtig waren, die aber insgesamt umfassende, aufklärende altruistische Argumente beisteuern, wenn sie sich in Bildern mitteilen, wobei der Vorgang in seiner Weisheit aufs Ganze geht.

Dieser Abstand zwischen dem Geisteszustand des unangepassten Kindes und der sozialen Struktur der Mehrheitsgesellschaft konnte bei so viel Dissonanz nicht zu einer bereitwilligen Übernahme diesbezüglicher Bildungsinhalte und Lernstrategien führen. Seine Reserviertheit erlaubte nur ein notwendiges Maß an Lerneifer und war besonders für die Kernkompetenz des Gemeinwesens – des gerichteten rationalen Denkens – eines auf Herrschaft über die Natur angelegten Wissens, welches zudem einem grundlegenden Bedeutungswandel unterworfen war, nicht gerade zuträglich.

Mir war nur so viel diesbezüglicher Aufwand möglich, wie das Hauptschulpensum es verlangte. Für mich allerdings nicht erheblich, denn der hohe Stellenwert der Sonderbegabung kompensierte dieses Defizit in meinen Augen. Die besagte Lese- und Rechtschreibschwäche, durch die so etwas wie eine soziale Bestrafung spürbar wurde, münzte ich in eine Widerstandsfähigkeit gegenüber der Zumutung dieser extrem einseitigen Ausrichtung der Geisteshaltung auf die Funktionsweise der linken Hemisphäre in eine starke Mitsprache der rechten bildhaften Seite des ratiomorphen Apparats um. Eine Grundentscheidung, die für einen Künstler unbedingt notwendig ist, „denn der von seinen manischen Eingebungen Besessene vermag zu sehen, was nüchterne Menschen nicht erkennen können.“ So Charles Taylors Meinung.

Die Fähigkeit des Kindes zu homologisieren. Sein vorbegriffliches Denken, die Leistung des ratiomorphen Apparats …, die Leistung, die ja bei Naturvölkern und Kindern noch zugänglich sind … Eine Ebene, die von vorherrschenden Denkungsart nicht zu Bewusstsein gebracht wird. … Dabei sind es doch im großen Maße vorbegriffliche Vernunftprinzipien, die durch die intuitive Vorwegnahme der Gestaltgesetze das ganze System der Verwandtschaft, ja der Deszendenz haben erreichen lassen.3

Eine Antihaltung gegen den Weiterbestand unseres gespaltenen Weltverhältnisses, das uns gerade erst an den Rand der totalen Vernichtung gebracht hat, und welches neuerdings angesichts des erkenntnistheoretischen Wandels so nicht weiter vertretbar ist; diese Ahnung mag eine vage Intuition für meine geistig-sozialen Vorbehalte gewesen sein. Mich trug im Gegensatz dazu weiterhin das untrügerische Gefühl, dass ich mit der Fundamentalverweigerung und der komplementären Gewichtung der anderen Wissensquellen dennoch auf dem richtigen Wege sei, um in einem exemplarischen-gleichberechtigten Sinne dieser beiden Vermögen meines Weltbildapparats auf eine ganz andere Art und Weise Stellung nehmen zu können, um in der Lage zu sein, die gravierenden Probleme unserer Zeitenwende meistern zu können und in einer ästhetischen Neubesinnung mit einer anderen idealtypischen Geistesgegenwart der neuen Theorie auf eine Utopie zu verweisen, welche in dieser Form noch nicht Gestalt angenommen hat, die aber verwirklicht werden müsse, soll es für uns eine Zukunft geben.

Ich machte sozusagen aus der Not eine Tugend.

Dies erforderte allerdings eine ganz andere bildnerische Meditation, sodass ich zu diesem Zeitpunkt noch in Anlehnung an die impressionistischen Vorbilder bis zu einer gewissen Erschöpfung ihres Leitmotivs – des Bedeutungswandels der Farbe – einen Schlusspunkt dieses Prozesses nachvollzogen hatte. In einem Schlüsselbild realisierte ich den Dreiklang der organischen Disposition unseres Farbensinnes, womit dieses Thema der Autonomie der Mittel in der äußersten Reduktion eine vorläufige vorläufige, paraktisch ästhetische Anwendung erfahren hatte.

„Simonsberg“ Aquarell 1961

Das bedeutete, dass ab jetzt eine fundamental andere theoretische Reflektion unseres Sehvorgangs bezüglich seiner Wertverhältnisse und Sinnbestände notwendig war, sodass diese Überschreitung zu einer in sich stimmigen konsistenten Theorie ausgearbeitet werden könne, mit der die Form aufgrund einer inneren Notwendigkeit wie von selbst aus der Logik des Farbensehens geschlossen werden muss. Und zwar im Sinne einer inhaltlich thematischen Besetzung der Farbvaleurs mit den gültigen Parametern der neuen wissenschaftlichen Wirklichkeitsdeutung. Eine aufgeklärte Ästhetik also im Sinne des modernen Weltbildes.

Dieser hohe Anspruch fiel in eine Zeit, als ich für mich auch die äußeren Lebensumstände veränderten und es war mir damals durchaus bewusst, dass dieses Ansinnen erst nach langen forschenden Anstrengungen bezüglich der geistigen Grundlagenverschiebung unserer Kultur erreicht werden könne und dass diesem Zweck sich alle anderen Motive des Lebens unterzuordnen hätten.

1959 trat ich bei Walter Pries eine Tischlerlehre an. (Die einzige Gelegenheit, bei der ich mich systematisch im Sinne einer traditionellen Fertigkeit bereitwillig unterweisen ließ.) 1962 beendete ich diese Lehre erfolgreich als Innungsbester.

„Selbstportrait“ Primamalerei Öl auf Sperrholz 1959

Bezüglich des obligaten Grundwehrdienstes trat ich die Flucht nach vorne an. Ich meinte damals der Gewissensprüfung nicht gewachsen zu sein und ließ mich vorzeitig einberufen. Ich hatte somit den bescheidenen Vorteil, den Standort und den Ausbildungsgang selber zu wählen. Mit der Qualifikation zum Krankenpfleger wurde ich 1963 vorzeitig entlassen.

Damals hatte ich Prof. Lenzen, den Leiter des archäologischen Instituts in Bagdad, darum gebeten, mich für seine Ausgrabung im Irak anzufordern, um seinen Arbeitern – den Beduinen – durch mich eine gewisse medizinische Betreuung zukommen zu lassen.

In dieser Ausgrabung – der Ruine von Uruk – Warka (Fundort des Gilgameschepos) – hatte ich archäologisch die Aufgabe die Stiftmosaiken an den Sockelbereichen der Sakralbauten zu präparieren und zu dokumentieren.

Stiftmosaik in Warka

Diesem Irakaufenthalt im Winter 1963/64 schloss sich eine kontinuierliche Mitarbeit an der Bogazköy-Expedition in Zentralanatolien (Türkei) an. Diese Grabung diente der Erforschung der Ruinen der Hauptstadt des Hetitischen Großreichs. Leiter der Grabung war Prof. Bittel, welcher gleichzeitig Leiter des deutschen archäologischen Instituts in Berlin war und aus diesem Grunde die örtliche Grabungsleitung auf den Bauforscher Dr. Peter Neve übertragen hatte.

An diesem Projekt habe ich von 1964 bis 1971 und nach längerer Unterbrechung noch einmal 1989 ebenfalls als Restaurator und Zeichner mitgearbeitet.

Mir oblag es, die Funde, Keramiken, Gefäße, Tontafeln (Keilschrift-Texte), metallene Kleinfunde aller Art, erhaltene Knochen und Holzreste, zu bergen, zu präparieren, zu restaurieren und zu konservieren. Und schließlich Zeichnungen davon anzufertigen, welche gegebenenfalls zu druckreifen Vorlagen umgearbeitet werden mussten.

Hetitische Keramik
Tontafeln mit Keilschrifttexten
Phrygische Gewandnadeln
aus dem Scherbenkatalog in Bogazköy
Phrygische Keramik, Aquarell 1963 Ankara

1965 wurde ich mit der Restaurierung des Löwentors – dem westlichen Durchlass der Umfassungsmauer der Oberstadt – beauftragt. Das kyklopische Mauerwerk in der Innenkammer des Tores musste von sechs jungen Männern aus dem Dorf unter meiner Leitung neu aufgeführt und stilgerecht wieder hergestellt werden. Wir verwendeten für diese Steinmetzarbeit den ortsüblichen Spitzhammer, Külück genannt. Mit ihm wurden die gleichen Schlagspuren erzeugt, wie sie die antiken Handwerker hinterlassen hatten. Das ließ darauf schließen, dass damals ein ähnliches Werkzeug in Gebrauch gewesen sein musste, allerdings noch aus Bronze. Ein Befund, der Aufschluss über die hetitische Steinbearbeitungsmethode überhaupt ergab, mit welcher die gesamte Stadtanlage errichtet worden sein mag.

Löwentor der Umfassungsmauer der Oberstadt von Hatusha

Die Restaurierungsarbeiten am Königstor (im Süden der Umfassungsmauer) im Jahre 1967, wurde wieder von sechs mittlerweile geschulten Arbeitern unter meiner Leitung in einem Zeitraum von sechs Monaten ausgeführt. (1907 hatte Theodor Makridi und sein Freund Hugo Winkler den inneren linken Leibungsstein des Königstores aus dem Verband gebrochen und umgelegt, um von diesem das etwas überlebensgroße Relief des Kriegers abzutrennen. Es sollte so vor der Zerstörung an sicherer Stelle aufbewahrt werden.) Zunächst musste der mehrere Tonnen schwere Leibungsstein in der ursprünglich leicht elliptischen Neigung wieder in seiner alten Stellung aufgerichtet werden. Dazu musste ein entsprechendes Fundament geschaffen werden, aus dem das Auflager ausgearbeitet wurde, welches einer nur noch geringen Standfläche am Leibungsstein genau entsprechen musste. Damals ein riskantes Unterfangen, das nur mit primitivsten Mitteln bewerkstelligt werden konnte. Danach wurde das anschließende Mauerwerk nach Vorlage von alten Fotos wieder ergänzt und ein Abguss des Reliefs angebracht. „Das umliegende Gelände im vermutlich alten Zustand wieder hergerichtet, um die Schönheit der besterhaltenen hetitischen Toranlage nun wieder in ihrer Bedeutung als eines der wertvollsten großreichzeitlichen Baudenkmale einen entsprechend würdigen Anblick zu geben.“4 Nebenbei bemerkt, diese Maßnahme hatte auch einen positiven Effekt auf die Erteilung der alljährlichen Grabungslizenzen durch die türkische Antikenbehörde.

Königstor Endzustand

Die Jahre der Auslandsaufenthalte im Kontrast deutlich unterschiedlicher Kulturkonzepte, die Vertrautheit mit der Sprache, die Teilhabe an ihrer Lebensweise – ihrer Geisteshaltung aufgrund des anderen Glaubensbekenntnisses – , der historische Zustand einer ehemals nomadisierenden Gesellschaft, all das hatte aufgrund der Wechselwirkungen die diese geistigen Strukturen auf mein eigenes Selbstverständnis ausübten die wesentlichen Merkmale meiner geistesgeschichtlichen Herkunft sehr viel deutlicher hervor treten lassen. Und die rationale Grundhaltung des wissenschaftlichen Weltbildes gegenüber dem religiös mythischen Selbstverständnis sehr prägnant unterschieden.

Ich fühlte mich nun mit diesem Grundlagenwissen über Weltanschauungen und die Bedeutungen der Wesensmerkmale meiner Denkungsart in der Lage, mich wieder ganz der künstlerischen Aufgabe zuzuwenden, um in diesem Sinne eine Neubegründung der zeitgemäßen Ausdrucksweise in der Malerei anzustreben. So beschloss ich 1972 die sichere und sehr reizvolle Auslandstätigkeit mit ihren angenehmen feudalen Lebensumständen für uns zu beenden, um wieder zu Hause auf dem Lande mit anderen Freunden sesshaft zu werden und dieses transformierte Selbst dazu zu benutzen, einen ästhetischen Neubeginn zu wagen.

Damals hatte ich durchaus die Alternative erwogen, ein Kunststudium zu beginnen (zumal ich in Berlin ein Hausboot besaß, das mir schon während der Grabungsjahre zwischen den Kampagnen als Wohnsitz gedient hatte). Ich suchte zu diesem Zweck den Bildhauer Bernhard Heiliger auf, um meine Aufnahmechancen zu eruieren – was von ihm durchaus für sehr wahrscheinlich erachtet wurde. Aber angesichts des in Augenschein genommenen Lehrbetriebs erschien es mir unmöglich, mich einer der vielen Richtungen anzuschließen. Somit gab ich diesen Gedanken zugunsten der ausgeprägten Selbstbezüglichkeit wieder auf.

Erste Versuche in Sachen Farbkombinatorik, welche ich schon während der Grabung wieder aufgenommen hatte, wurden jetzt wesentlich systematischer und fundierter im Sinne einer wissenschaftlich-empirischen Strenge betrieben. Und zunächst um der Einfachheit halber auf das Problem der unbunten Farben eingegrenzt. Schon im Winter 1973/74 gelang mir das Proportionsgesetz, das auf diesem Gebiet aus einer Versuchsreihe mit der erfolgreichen Methode eines mittleren Referenzwertes beruht fast wie von selbst in nachtwandlerischer Sicherheit zu finden und in dieser erkenntnistheoretischen geistigen Relevanz eine Regel der Kunst zu erkennen, die von nun an dazu diente, aus dem Farbgesetz abstrakt ornamental geometrische Formen zu generieren, welche durch ihre methodische Isomorphie zur derzeit gültigen Wissenschaftstheorie entsprechende zeitgemäße Sinnbilder ergeben.

Mit einem ersten Bild dieser Art nahm ich 1975 an der Berliner Kunstausstellung teil. 1976 ebenso

1982 übertrug ich die Geltung des Proportionsgesetzes auf den Aspekt der Eigenhelligkeit der Buntfarben

1983 Teilnahme an der Berliner Kunstausstellung, anschließend daran Ausstellung in der Galerie Süd, Berlin

1985 Berliner Kunstausstellung

1986 ebenso

1988 Teilnahme an der Ausstellung „Jeden Tag ein Bild ein Fest“ im Spitz, Kiel

In den 1980er Jahren stellte ich aufgrund der Farbenlehre Designermöbel her, die über den Innenausstatter Wichers, Hamburg, Mittelweg, zum Teil weltweit vertrieben wurden

1993 Berliner Kunstausstellung

1995 Frühjahrsausstellung Ostholsteiner Künstler Schlossgalerie, Eutin

1995 Ausstellung im Airport-Hotel Hamburg

1996 Frühjahrsausstellung Ostholsteiner Künstler Schlossgalerie, Eutin

1997 ebenso

1997 Landesschau Lübeck, Burgtorkloster

1998 Einladung nach Bonn durch den Kunstförderverein Ostholstein

1998 Frühjahrssaustellung Ostholsteiner Künstler Schlossgalerie, Eutin

1998 Jahresausstellung Kieler Künstler, Lübeck

1999 Ausstellung im Härigbau, Garkau

1999 Beginn mit der Entwicklung und Niederschrift der ästhetischen Theorie der unbunten Farben

2003 Teilnahme an der 50. Landesschau Schloss Gottorf, Schleswig

2020 Beendigung der ästhetischen Theorie der unbunten Farben

2020 im April Kunst im öffentlichen Raum, Fassadengestaltung, Vicelinstr. 14, Neumünster

1 Göttner-Abendroth, H.

2 Riedl, Rupert

3 Riedl, Rupert, Die Ordnung des Lebendigen, S. 402.

4 Neve, Peter, Bogazköy 4